Angehörige und Pflegepersonal

Der Umzug in ein Pflegeheim, die weitere Betreuung durch Pflegepersonal, ist ein gewaltiger Schritt im Leben eines alten Menschen. Ein ebenso großer Schritt ist er  für die Familienangehörigen. Viele Familien würden ihre alte Mutter, den alten Vater gerne zu Hause pflegen, können es aber aus beruflichen Gründen nicht tun. Oder es ist kein Platz da. Oder, oder, oder … in der Tat gibt es viele Gründe und manchmal ist es auch die Demenz, die eine Betreuung zu Hause zu aufreibend und vielleicht auch zu gefährlich gestaltet. Eine Entscheidung muss getroffen werden und das ist oft sehr schwer und wird meist sehr lange hinausgezögert.  Es geht schließlich um Menschen, die man als liebende und immer fürsorgliche Personen kennt, der Fels in der Brandung, auf den man sich immer verlassen konnte und um die man sich selbst nun aus vielerlei Gründen nicht kümmern kann. Da sind große Gefühle im Spiel, die von Außenstehenden nicht unterschätzt werden sollten. Angehörige müssen jetzt ihre geliebten Eltern oder Großeltern in fachkundige Hände geben. Aber es macht fast allen Angehörigen schwer zu schaffen, wenn sie diese Entscheidung treffen müssen. Und dann kommen Pflegekräfte ins Spiel.

Pflegepersonal – geliebt und gehasst

Pflegepersonal hingegen hat es nicht leicht. Die meisten Pflegekräfte arbeiten in drei Schichten, das ist mehr als anstrengend. Niemand in der Pflege kennt eine Fünf-Tage-Woche. Wer Vollzeit in der Pflege arbeitet, leistet einen Knochenjob, denn nicht selten sind es zehn bis zwölf Tage, die am Stück durchgearbeitet werden müssen. Die körperlich Belastung ist enorm, denn es ist zwar überall die Rede von Liftern, die es den Pflegekräften ersparen, einen schweren, alten Menschen mit Körperkraft anzuheben, allerdings sind Lifter meist weit weg, wenn sie dringend benötigt würden. Die Kollegen, die mal schnell mit anpacken könnten, sind meist beschäftigt. Hinzu kommt die psychische Belastung, die auch nicht zu unterschätzen ist. Pflegekräfte pflegen Menschen, die Schmerzen haben. Sie begleiten Menschen auf ihrem letzten Weg und empfinden einen sterbenden, alten Menschen häufig auch als Verlust, denn man gewöhnt sich aneinander und gewinnt sich lieb. Pflegekräfte haben mit aggressiven Bewohnern zu tun, denn ja, das gibt es auch. Durch die harte Arbeit und die Schichten, die auf Wochenenden und Feiertage keine Rücksicht nehmen, tragen Pflegekräfte auch selbst noch die eine oder andere familiäre Belastung mit sich herum. Und dann kommen Angehörige, die nicht zufrieden sind.

Dankbarkeit, Überfürsorglichkeit und Eifersucht

Für Angehörige ist es nur schwer zu ertragen, ihre geliebten Familienmitglieder in ein Heim geben zu müssen. Zu sehen, wie sich nun liebevoll eine Pflegekraft um den geliebten Vater oder die geliebte Mutter kümmert –  angenommen und gemocht wird. Einerseits ist da die Dankbarkeit für die liebevolle Fürsorge. Andererseits auch die Eifersucht und das kann man auch niemandem verdenken. Pflegekräfte hingegen haben keine Wahl. Sie haben den Beruf gewählt, weil sie sich um Menschen kümmern möchten. Das tun sie also mit Liebe. Und werden dafür (bis auf wenige Ausnahmen) von den alten Leuten geschätzt und zumindest intensiv gemocht. Sie müssen ihren Beruf aber auch mit Liebe und Fürsorge ausüben, sonst wären sie einfach keine guten Pflegekräfte. Und Angehörige legen ja natürlich auch großen Wert darauf, dass ihre Lieben nun gut versorgt werden. Wäre da nicht die Eifersucht. Die paart sich gerne mit dem schlechten Gewissen, weil man gezwungen war, das Heim zu wählen und sich nicht selbst kümmern kann. Sehr schnell artet das Ganze in Überfürsorglichkeit aus. Überfürsorgliche Angehörige können für das Pflegepersonal schnell zu einem zusätzlichen und vollkommen unnötigen Stressfaktor werden.

Tägliche Besuche und Kontrollen

Es gibt Angehörige, die mit diesen Gefühlen einfach nicht fertig werden. Sie kommen wöchentlich zu Besuch, manchmal sogar täglich – was sie ja auch durchaus dürfen und sollen, wenn sie das möchten. Doch nicht selten wird kontrolliert. Wie sieht der Kleiderschrank aus ? Ist die Mutter geduscht worden? Trinkt sie genug? Kümmert sich hier auch mal jemand? Viele Pflegekräfte kennen den Satz: „Ich war jetzt zwei Stunden bei meiner Mutter und nicht ein einziges Mal hat sich jemand von Ihnen blicken lassen.“ Und den vorwurfsvollen Blick dazu. Natürlich, die Mutter soll gut, sogar perfekt versorgt werden. Allerdings sehen sich Pflegekräfte grundsätzlich nicht dazu veranlasst, bei all der vielen Arbeit, die sie mit viel zu wenig Kollegen innerhalb einer Schicht leisten müssen, nach Bewohnern zu sehen, die gerade Besuch haben, solange es keinen Grund dafür gibt. Angehörige sehen hier gerne etwas, das oft sogar ausgesprochen wird: Vernachlässigung. Und die eigentlich engagierten Pflegekräfte sehen sich nicht selten mit der Situation konfrontiert, dass sie sich und ihre Arbeit verteidigen müssen.

Immer das Gespräch suchen

Hier müssen sich beide Seiten entgegen kommen. Beide Seiten müssen sich bewusst sein, dass hier ernst zu nehmende Gefühle aufeinander prallen. Die Angehörigen empfinden häufig Eifersucht und Hilflosigkeit. Die Pflegekräfte hingegen fühlen sich oft der Kontrolle und dem Zorn von Angehörigen ausgeliefert. Angehörige sollten sich vor Augen halten, welche Leistungen Pflegekräfte zu erbringen haben und dass es einfach nicht möglich ist, alle zehn Minuten ins Zimmer der Mutter zu schauen – die das vielleicht auch gar nicht möchte. Pflegekräfte hingegen sollten sich mit der seelischen Situation der Angehörigen beschäftigen. Mit diesen ganz großen Gefühlen eben, die hier definitiv verantwortlich sind für so manchen, prinzipiell unnötigen Wortwechsel. Angehörige können Pflegekräften enorm entgegen kommen: Mit Akzeptanz, mit Respekt vor der schweren Arbeit und vielleicht auch mit ein wenig Hilfe, zum Beispiel beim Anreichen der Mahlzeiten der Mutter. Grundsätzlich haben beide Seiten etwas davon. Angehörige können auf diesem Weg ein wenig an der Pflege mitwirken. Pflegekräfte erhalten etwas Unterstützung. Gegenseitige Akzeptanz und Respekt sind unbedingt erforderlich – und ein bisschen Vertrauen.