Bedingungslose Liebe bedeutet nicht Erdulden

Über bedingungslose Liebe wird wirklich oft gesprochen, insbesondere wenn man sich wie ich in Foren und Gruppen bewegt, in denen Beziehungsproblematiken, beziehungsweise narzisstischer Missbrauch, das Hauptthema sind. Sehr häufig lese ich dann Aussagen wie „man kann ja nicht bei kleinsten Schwierigkeiten davonlaufen“. Oder: „Um eine Beziehung muss man ja auch kämpfen.“ Oder: „Beziehungen sind nun mal Arbeit.“ Das ist alles im Grunde richtig. Doch was hat das mit bedingungsloser Liebe zu tun?

Bedingungslose Liebe meint nicht bedingungsloses Erdulden

Das ist aber leider ganz oft der Denkfehler dahinter: Dass Menschen glauben, sie lieben ihren Partner, ihre Partnerin bedingungslos, nur weil sie bereit sind alles zu ertragen, was diese Menschen ihnen antun. Fremdgehen, verbale Grausamkeiten, körperliche Übergriffe. Verbote, Sanktionen, Bestrafungsaktionen. So richtig und so wirklich ertragen sie es ja auch gar nicht, denn sie leiden ja darunter. Sie erzählen von ihren Problematiken, von den Folgen all dieser Dinge. Ich lese so oft von schweren Depressionen, von posttraumatischen Belastungsstörungen, von Arbeitsunfähigkeit, von Gefühlen der Wertlosigkeit, von Ängsten, sich unter Menschen zu begeben. Hört man dann vom Umgang des Partners mit diesem betroffenen Menschen, wird das auch verständlich! Wie könnte man denn nicht an Depressionen leiden, wenn man schlecht behandelt, belogen, betrogen, ausgenutzt und vielleicht sogar noch psychisch oder physisch misshandelt wird? Wie sollte man da nicht Gefühle von Wertlosigkeit entwickeln, jede Menge Ängste bis hin zu Panikattacken? „So was kommt von so was“, lautet ein Sprichwort. Alles hat eine Ursache.

Warum kannst du diese Beziehung nicht verlassen?

Weil du glaubst, bedingungslose Liebe geben zu müssen, um ein wertvoller Mensch zu sein, der es verdient hat, geliebt zu werden? Weil du glaubst, dass dieser Mensch, der dich nicht gut behandelt, irgendwann sehen wird, was du für ihn/sie alles auf dich genommen hast? Was du ertragen hast, aus bedingungsloser Liebe heraus? Ich habe jetzt leider eine schlechte Nachricht: Das ist keine bedingungslose Liebe, wenn du schlechtes Verhalten hinnimmst und keine Konsequenzen daraus für dich ziehst. Das ist Abhängigkeit. Vielleicht bist du berufstätig und materiell, finanziell nicht abhängig. Vielleicht gehört dir sogar das Haus, in dem ihr lebt. Abhängigkeit muss nicht materiell bzw. finanzieller Art sein. Die schwierigste Abhängigkeit ist die psychische Abhängigkeit: Diese kann durch einen schwierigen Partner „anerzogen“ sein, indem er systematisch das Selbstwertgefühl zerstört und dich isoliert hat. In dem Fall steckte die emotionale Abhängigkeit aber wahrscheinlich auch schon ganz tief in dir drin und dein Partner hat nur die entsprechenden „Knöpfe gedrückt“. Stichwort Kindheit: Wahrscheinlich musstest du da schon Verluste hinnehmen. Um Liebe und Zuneigung kämpfen. Durftest dich nie abgrenzen. Die psychische Abhängigkeit von einem Partner kann sogar das Ausmaß einer dependenten Persönlichkeitsstörung annehmen. Und die kann außer dir selbst mit Hilfe eines guten Therapeuten auch kein noch so liebevoller Partner heilen. Dependente Menschen ertragen auch Unerträgliches – Hauptsache, sie werden nicht verlassen. Aber es muss ja nicht gleich der worst case „Dependenz“ sein. Es kann sich ja durchaus um eine vorübergehende Abhängigkeit handeln, die du durchaus überwinden kannst, wenn du aufhörst, alles ertragen zu wollen, nur damit die Beziehung nicht scheitert.

Bedingungslose Liebe will nicht verändern

Dieses bedingungslose Ertragen hat überhaupt nichts mit bedingungsloser Liebe zu tun. Wenn wir diese Bezeichnung „bedingungslose Liebe“ einfach mal versuchen zu definieren, dann hat diese Form der Liebe überhaupt nichts mit dem Verhalten des Partners zu tun. Bedingungslose Liebe ist einfach da. Ob dieser Mensch mit dir eine Beziehung führt oder nicht. Ob er jemand anderen liebt oder dich. Ob er nett und gut zu dir ist oder sich wie die Axt im Walde aufführt. Wenn du wirklich bedingungslos lieben würdest, ginge es dir gut – egal wo dieser Mensch ist, egal was er macht, egal mit wem er zusammen ist. Bedingungloses Liebe ist einfach da und dem Menschen, den man bedingungslos liebt, soll es gut gehen. Man wünscht ihm/ihr nichts Schlechtes. Man verlangt nicht, dass er/sie sich ändert, damit es einem selbst gut geht. Und wenn dieser Mensch nicht an deiner Seite ist, lügt, betrügt, fies zu dir ist … dann kannst du ihn ja trotzdem bedingungslos lieben. Allerdings heißt bedingungslose Liebe noch lange nicht, dass du das alles klaglos hinnimmst, dich schlecht behandeln lässt, Schlimmes erduldest. Du darfst dich abgrenzen. Du darfst auch eine Beziehung, in der du den Partner bedingungslos liebst, beenden. Wenn du das tust heißt das nicht, dass du nicht bedingungslos lieben könntest, ganz im Gegenteil: Du liebst bedingungslos. Du verlangst nämlich nicht, dass dieser Mensch sich ändert, sich anders verhält, dir gegenüber liebevoller ist, besser mit dir kommuniziert. Weil du bedingungslos liebst, akzeptierst du, dass er oder sie das nun mal nicht kann oder eben nicht so ist, wie du es gerne hättest. Und weil du bedingungslos liebst, wirst du diesen Menschen nicht ändern wollen – aber zusehen, dass du dich abgrenzt, weil dir einfach klar ist, dass ihr euch gegenseitig nicht gut tut.

Liebe muss nicht kämpfen

Liebe ist niemals ein stetiges Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt selbstredend in jeder Beziehung Problematiken, an denen man arbeiten sollte. Dinge, die man besprechen sollte. Rücksichtnahme, die man verlangen sollte. Das gilt für beide. Wenn aber mein Partner der Meinung ist, er kann sich mir gegenüber benehmen wie die Axt im Walde, mich belügen, betrügen, vielleicht sogar die Hand heben gegen mich, dann ist da nichts, worum es sich zu kämpfen lohnt – denn für ein besseres Benehmen, für einen freundlichen Charakter, kann man nicht kämpfen. Erwachsene Menschen gehen Beziehungen ein und sie sind nun mal in ihrer Entwicklung relativ abgeschlossen. Natürlich kann jeder Mensch dazulernen, sich verändern. Aber aus einem aggressiven Schlägertyp macht man kein Lämmchen. Aus einem Menschen, der sich nicht für andere Menschen interessiert, macht man keinen Menschenfreund. Wie oft schon ist mir das hier oder Ähnliches begegnet:

Er/sie tut dies oder das, wie kann ich ihn/sie dazu bringen, das einfach zu lassen? Denn dann würde es mir ja gut gehen!“

Oder:

Er/sie ist überhaupt nicht bereit zu akzeptieren, dass ich …wie kann ich …“

Kannst du nicht! Du kannst erklären, was „das“ mit dir macht und darum bitten, das sein zu lassen. Aber in der Regel geht es um Dinge, die Menschen eben nicht einfach sein lassen können, weil sie zu ihrem Charakter, ihrer Art zu leben, ihrer Weltanschauung gehören.

„Aber ich liebe ihn doch so sehr!“ 

Ja? Ist das wirklich so? Es lohnt sich durchaus, das mal für dich selbst zu hinterfragen. Oft lieben wir die Vorstellung von dem was sein könnte, wenn sich dies oder das ändern würde.

 

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