Demenz – warum Angehörige sie so spät wahrnehmen

Plötzlich weiß eine Frau nicht mehr, wie der Herd funktioniert, obwohl sie ihr Leben lang gekocht hat. Ein Mann zappt sich durch die Fernsehprogramme oder glaubt es zu tun und sieht auf jedem Kanal das gleiche Bild. Eine Kaffeetasse, was macht man damit? Und: War ich etwa mal Raucher? Wenn die Demenz um sich greift, so bedeutet das nicht nur, dass der betroffene Mensch sich nicht mehr an Namen, Telefonnummern oder Geburtstage erinnern kann. Demenz bedeutet auch, dass man nicht mehr weiß, wie die Dinge funktionieren, dass man eigene Bedürfnisse nicht mehr bemerkt und oft alltägliche Situationen nicht mehr einschätzen kann.

Die schleichende Entwicklung und die Unsicherheit in der Familie

Wenn ein Mensch plötzlich nachlässt, mit manchen Dingen nicht mehr zurechtkommt, denkt kaum jemand in der Familie daran, dass sich hier eine Demenz entwickeln könnte. Eine vergessene Telefonnummer wird mit mahnendem Blick auf einen Zettel geschrieben. Ein vergessener Geburtstag vielleicht sogar mit Beleidigtsein bestraft. Und wenn ein Betroffener plötzlich nicht mehr weiß, was er mit der Kaffeetasse in seiner Hand machen soll, schüttelt die Familie den Kopf und meint: So langsam fängt er/sie an zu spinnen. Verhalten wird als schrullig abgetan und häufig wird sogar Absicht unterstellt. Er/sie hat keine Lust und tut so als ob er/sie „es“ nicht mehr kann. Beim Betroffenen beginnt spätestens an dieser Stelle der Leidensdruck, denn die Vergesslichkeit geht immer voraus, kann aber häufig noch für lange Zeit verheimlicht werden. Wer Vergesslichkeit feststellt, wird sich in der Anfangszeit noch zu helfen wissen. Dann wird eben alles aufgeschrieben. Und notfalls wird ein Zettel geschrieben, auf dem steht, wo der Zettel zu finden ist, auf dem alle wichtigen Notizen verzeichnet sind. Das macht Angst! Aber wenn ein Betroffener dann plötzlich damit konfrontiert wird, dass er bei einer alltäglichen Sache nicht mehr weiß, wie sie funktioniert, was er damit machen soll und für was sie gut ist – spätestens an diesem Punkt setzt die Verzweiflung ein. Die Angst wird stärker. Angst vor weiterem Vergessen, Angst vor weiterem Versagen. Ein Kreislauf, denn diese Angst kann unter Umständen so präsent sein, dass vor lauter Angst tatsächlich noch mehr vergessen wird.

Angehörige sind oft ratlos: Was tun?

Angehörige, die – in ihren Augen – merkwürdige Verhaltensweisen feststellen, sollten diese zunächst einmal beobachten, aber wenn möglich nicht kommentieren. Außerdem sollte man wissen, dass eine beginnende Demenz nicht bedeutet, dass sie sich über 24 Stunden am Tag stets weiter entwickelt und ständig präsent ist. Eine Demenz entwickelt sich langsam und schleichend, meistens schubweise. Außerdem haben auch demente Menschen sehr häufig klare Phasen. Viele Angehörige erleben nur kurzweilige, demente Phasen und sind der Meinung, im Allgemeinen sei der Betroffene ja geistig voll da, also könne es sich nicht um Demenz handeln. Doch leider ist es anders. Wenn eine Demenz sich zu entwickeln beginnt, kann durchaus eine kurzzeitige, demente Phase von einer länger währenden, klaren Phase abgelöst werden. Und genau das ist übrigens die Ursache dafür, dass viele Angehörige denken, der demente Mensch sei ja gar nicht dement, sondern hätte nur keine Lust sich mit diesem oder jenem auseinander zu setzen.

Demenz hat tausend Gesichter

Besonders verwirrend für Angehörige sind eben diese Wechsel zwischen den klaren und den dementen Phasen. Demenz ist ein Begriff, der für viele Menschen etwas Beängstigendes hat. So ziemlich jeder hat mindestens ein Beispiel einer hochgradigen Demenz vor Augen, entweder innerhalb der Verwandtschaft, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft. Und so klammern sich Angehörige regelrecht an den klaren Phasen fest, finden Begründungen für die dementen Phasen, möchten es einfach oft nicht wahrnehmen. Irgendwann aber kommt der Punkt, an dem sich jede Familie eingestehen muss: Ja, Vater, Mutter, Ehemann, Ehefrau oder wer auch immer entwickelt eine Demenz. Die Demenz ist nicht heilbar, aber es gibt gute Chancen sie etwas aufzuhalten, sofern sie frühzeitig erkannt wird. Aus diesem Grund sollten Angehörige nicht lange zögern, wenn der erste Verdacht aufkommt, es könne sich um eine Demenz handeln.

Der nächste Schritt

Auf dem Markt sind zahlreiche Medikamente erhältlich, die bei einigen Patienten sehr gut anschlagen und die Demenzschübe hinauszögern, bei anderen Patienten hingegen überhaupt nicht wirken. Auch aktives Gedächtnistraining kann der Demenz etwas entgegenwirken. Wichtig ist auch Biografiearbeit, findet jedoch in Familien kaum Anwendung, sondern ist eher ein Instrument der stationären Pflege. Es kann auch sehr wichtig sein, die Ernährungsgewohnheiten zu überprüfen und die Ernährung eventuell umzustellen. Wichtig: Viel trinken! Demenz verstärkt sich unter Flüssigkeitsmangel. Da Demenz nicht heilbar ist, liegen die Ziele in der Behandlung eines an Demenz erkrankten Menschen auf einer anderen Basis. Die kognitiven Fähigkeiten sollen so lange und so weit wie möglich erhalten bleiben. Trotzdem müssen Angehörige sich auf weitere Entwicklungsphasen der Demenz einstellen. Der an Demenz erkrankte Mensch leidet zunächst stark unter seiner Vergesslichkeit, die er durchaus noch wahrnimmt. Er leidet auch unter ersten Einbußen seiner kognitiven Fähigkeiten. Doch irgendwann ist ein Stadium der Demenz erreicht, an dem der Betroffene nicht mehr wahrnimmt, dass er viele Dinge nicht mehr ausführen kann.

Pflege zu Hause?

Die Pflege eines an Demenz erkrankten Menschen bedeutet die Übernahme einer großen Verantwortung. Natürlich ist es wunderbar, wenn ein geliebtes Familienmitglied in der Familie verbleiben kann. Allerdings geht das nur bis zu dem Punkt, an dem keine Eigen- oder Fremdgefährdung stattfindet. Die meisten Menschen mit hochgradiger Demenz sind sehr aktiv, möchten sich beschäftigen. Und damit sind auch Gefahren verbunden. Da wird schon mal Wasser in die Badewanne eingelassen und dann in aller Seelenruhe ein Spaziergang gemacht – und eventuell wird auch der Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Da wird auch mal ein Bügeleisen eingeschaltet und mit der heißen Fläche auf das Bügelbrett gestellt und dann vor dem Fernseher eingeschlafen. Menschen mit Demenz benötigen eine besondere Betreuung: Keine Bevormundung, aber Aufsicht und eine gewisse, möglichst unauffällige Kontrolle. Die Pflege eines Menschen mit Demenz in seiner häuslichen Umgebung ist nur dann langfristig möglich, wenn genug Familienmitglieder bereit sind, sich die Verantwortung zu teilen, sich abzuwechseln, so dass immer jemand da ist. Trotzdem sollten sich Angehörige seelisch darauf vorbereiten, dass irgendwann ein Stadium der Demenz erreicht werden kann, in dem eine Betreuung zu Hause eventuell nicht mehr möglich sein wird.