Double Bind!

Double Bind Botschaften umgeben uns in unserer gesamten Lebenswelt: In der Beziehung, innerhalb der Familie, im Freundeskreis und auch im Arbeitsleben. Sie sind deswegen so gefährlich, weil sie meist erst nachträglich erkannt werden und oft die Vorboten von heftigem Streit und ernsthaften Krisen darstellen. Und sie werden deswegen selten erkannt, weil wir an sie gewöhnt sind. Im Grunde sind sie sehr leicht zu erkennen. Aber das Tückische an ihnen ist eben die Gewohnheit. Hier ist Wachsamkeit angesagt, damit man sie nicht übersieht, bzw. überhört. Aber wer ist schon immer wachsam in seinem Umgang mit anderen Menschen? Insbesondere da, wo man vertraut, sich wohl fühlt?

Double Bind – die doppeldeutige Botschaft

Man kann die Wachsamkeit gegenüber Double Bind üben, indem man gezielt auf solche Botschaften achtet. Dafür muss man aber natürlich wissen, was sie eigentlich darstellen. Double Bind bedeutet, eine Botschaft wird doppeldeutig vermittelt. Die Doppeldeutigkeit äußert sich meist in einer deutlichen Diskrepanz zwischen der eigentlichen Aussage und der Mimik, der Gestik oder sogar des Tonfalls des Senders dieser Botschaft. Gar nicht einfach zu identifizieren, aber möglich. Im Grunde ist Double Bind der emotionalen Erpressung zuzuordnen und fällt damit unter „geht gar nicht!“ Aber viele von uns kennen diese Situationen sogar aus dem Elternhaus. Eine Mutter, die eigentlich möchte, dass ihre halbwüchsige Tochter den Nachmittag mit ihr im Kino verbringt und sie emotional zu erpressen versucht, könnte eine Double Bind Botschaft beispielsweise so formulieren:

„Ach, dann geh ruhig und triff dich mit deinen Freundinnen. Ich gehe dann eben alleine ins Kino.“

Oberflächlich betrachtet ist das nett von der Mutter. Sie lässt die Tochter ziehen und geht eben alleine ins Kino. Das ist das, was bei der Tochter in diesem Moment ankommt. Also zieht sie los und macht sich überhaupt keine Gedanken mehr um Mama, die sich nun, ihrer Meinung nach, mit Sicherheit mit einem Riesenbecher Popcorn im Kino vergnügt. Alleine. Mama macht ja öfter mal was alleine. Vielleicht hat Mama das sogar ernst gemeint und nimmt es ihrer Tochter gar nicht übel, weil sie einen Kinonachmittag tatsächlich auch alleine genießen kann. Wahrscheinlich aber wird am Abend oder spätestens am nächsten Tag deutlich, dass es sich um Double Bind handelte. Durch vorwurfsvolles Verhalten. Mit Sicherheit kommt nachträglich noch irgendetwas, was der Tochter ein Schuldgefühl verursacht. Ein ganz latentes Schuldgefühl, das die Tochter nicht einmal richtig benennen kann.  Im Fall von Double Bind wird die Mutter mit Sicherheit dafür sorgen, dass die Tochter erfährt, wie verletzt sie ist, weil diese auf das großzügige „Angebot“ eingegangen ist.

Double Bind meint also, dass oberflächlich eine Zustimmung erfolgt, die man dem anderen dann nachträglich vorwirft. Die Tochter aus dem obigen Beispiel wird also Schuldgefühle haben. Und beim nächsten Mal in einer solchen Situation vielleicht auch wieder recht ungestüm reagieren. Aber irgendwann ist das gewünschte Ergebnis (meist) erreicht. Häufige Double Bind Botschaften sorgen am Ende dafür, dass sich der Empfänger unterwirft, sofern er die Situation nicht eindeutig als das identifiziert, was sie ist. Er fängt an Rücksicht zu nehmen, will niemanden verletzen. Aber eigentlich möchte der davon Betroffene nur eigene Schuldgefühle vermeiden.

Wir kennen Double Bind schon aus frühester Kindheit

Wir alle kennen solche Botschaften aus unserer Kindheit. Die Oma, die an Heilig Abend kein Geschenk bekommt, weil wir uns das nicht mehr leisten konnten (als Kind) oder weil wir es schlichtweg vergessen haben. Die Oma, die dann leicht traurig sagt: Ach … ich brauche doch gar nichts. Es ist doch schön, dass ich wenigstens bei euch sein darf.“ Schwupps, ist es da, das Schuldgefühl und zum nächsten Weihnachtsfest werden wir ganz sicher eine Kleinigkeit für Oma haben. Nun sind das hier zwei weibliche Beispiele – Zufall. Auch Opas und Väter arbeiten mit Double Bind.

Leider muss man an der Stelle sagen, dass wir alle schon mit diesen Methoden gearbeitet haben. Vielleicht setzt man sich als Erwachsener damit ernsthaft auseinander, aber mit Sicherheit sind den meisten von uns noch ganz gut die Situationen aus der Kindheit im Gedächtnis, die sich mit unseren Freunden ergeben hat. Welches Mädchen hat nicht schon mal irgendwann zu ihrer besten Freundin gesagt: „Na, dann triff dich doch heute Nachmittag mit der XYZ, ich habe sowieso was anderes vor!“ Natürlich stinksauer und total beleidigt, denn die beste Freundin war doch was Heiliges und eine, die sich nicht mit anderen Mädchen treffen durfte. Und ich bin sicher, Jungs unter sich vermitteln auch solche Botschaften.

Double Bind in der Beziehung

In Beziehungen setzt sich Double Bind fort. Wer von uns kennt sie denn nicht, diese Situationen, in denen unser Partner sagt: „Du, geh ruhig aus, hab einen schönen Abend mit deinen Mädels.“ Ja, irgendwie fühlt sich die Atmosphäre komisch an, aber … er lächelt doch so nett, während er das sagt. Wirkt ein bisschen traurig, aber gut … immerhin, er lächelt. Die Rache kommt garantiert. Wenn der Göttergatte am nächsten Tag ein bisschen „verschnupft“ wirkt und darauf hinweist, dass sein eigener Abend verdammt langweilig war, haben wir den Salat. Und das klappt übrigens auch umgekehrt ganz prima. Wenn Sie sagt: „Du, zieh ruhig mit deinen Jungs um die Häuser“ und irgendwie trotzdem ein bisschen beleidigt wirkt, dann ist es, was es ist: Double Bind.

Auch im Arbeitsleben: wachsam sein!

Double Bind kann uns übrigens auch gut im Arbeitsleben begegnen. Mobbing-Opfer erzählen sehr häufig von Double-Bind Situationen. Und da sind sie häufig noch viel schwerer zu erkennen.

Ein Arbeitnehmer, der in einer guten, netten, vielleicht sogar herzlichen Atmosphäre arbeitet, ist nicht so sehr in Gefahr, auf Double Bind reinzufallen. Wenn so jemand vielleicht in den letzten Tagen oder Wochen viele Überstunden geleistet hat und der Chef an einem ruhigen Nachmittag sagt: „Wissen Sie was, gehen Sie ruhig jetzt schon nach Hause und haben Sie einen schönen Nachmittag!“ Wie ist das zu deuten? In diesem Fall wahrscheinlich als eine sehr nette Geste des Chefs.

Ist die Atmosphäre allerdings komisch, brodelt irgendetwas unter der Oberfläche, von dem man sich persönlich betroffen fühlt, ohne es direkt benennen zu können, kann es sich bei einem so netten Angebot in Wirklichkeit um eine Double Bind Botschaft handeln. Die Direktübersetzung heißt:

„Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie gehen und einen freien Nachmittag genießen, die Strafe kommt, denn das wird dem Konto Ihrer Untaten, das ohnehin schon fett genug ist, hinzugefügt.“

Double Bind im Berufsleben kann ein Bestandteil von bereits laufendem oder sich gerade bildendem Mobbing sein.

Wie reagieren Sie auf Double Bind?

Zunächst mal sollte man ganz bewusst auf die (vielleicht auch nur vermeintlich) positiven Botschaften aus dem näheren Umfeld achten. Diese für sich selbst auseinandernehmen. Es gibt viele offene und herzliche Menschen die das, was sie sagen, auch tatsächlich meinen. Wenn aber an irgendeiner Stelle so etwas wie ein leises Schuldgefühl oder ein leiser Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Aussage auftaucht – dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Double Bind. Solchen Aussagen, die sich meist durch großzügige Angebote des Gegenübers bemerkbar machen, sollte man sehr fest gegenüberstehen. Schauen Sie Ihrem Gesprächspartner in die Augen. Fragen Sie direkt und wenn möglich auf der Stelle nach, ob das Angebot ernst gemeint ist oder ob die Strafe auf dem Fuße folgen wird. Vielleicht auch erst morgen oder in Form einer jährlichen Abrechnung? Sie nehmen Ihrem Gegenüber damit schon sehr viel Wind aus den Segeln, denn es wurde „ertappt“.

Angst, Klartext zu sprechen

Wer Double Bind Botschaften aussendet, traut sich in der Regel nicht, das auszudrücken was er/sie wirklich fühlt. Traut sich vielleicht auch nicht, nein zu sagen. Fühlt sich verpflichtet, sich großzügig zu zeigen, um gemocht zu werden, wird aber vielleicht gerade deswegen nicht gemocht, weil offensichtlich ist, dass die Strafe noch folgen wird. Kurz gesagt: Menschen, die mit Double Bind arbeiten, wagen es nicht, Klartext zu reden. Sie wagen es nicht, ihre Meinung und ihre Bedürfnisse offen auszusprechen, verstecken ihr eigentliches Anliegen in einer solchen verschlüsselten Botschaft und erwarten, dass sich der Empfänger dieser Botschaft „richtig entscheidet“. Also in ihrem Sinne. Und tut dieser es nicht, ist der Sender der Botschaft enttäuscht und beleidigt. Und das werden Sie zu spüren bekommen.

Sie werden nichts dagegen unternehmen können, dass Menschen versuchen, Sie emotional zu erpressen und Double Bind ist eine gängige Methode hierbei. Sie können diesen Methoden aber stabil gegenüberstehen und mit Ihrer eigenen Reaktion dem Sender verdeutlichen, dass  Sie das Spiel durchschaut haben. Sich keine Schuldgefühle einreden und sich auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt noch dafür bestrafen lassen, dass Sie so oder so gehandelt haben.

 

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