Tanz der Teufel – von Gut und Böse bei Männern und Frauen

In einschlägigen Foren und Gruppen hat man oft den Eindruck, dass – reden wir über narzisstischen Missbrauch – immer die Männer die Bösen sind. Allerdings strömen auch immer mehr Töchter und Söhne in Gruppen und Foren, die von narzisstischem Missbrauch im Elternhaus sprechen. Da fällt auf, dass es oft die Mütter sind. Diese Mütter sind aber auch Partnerinnen, Ehefrauen. Wie kann es also sein, dass in der allgemeinen Literatur, in Foren und Gruppen immer wieder der Eindruck entsteht, dass die Männer die Täter sind und Frauen die Opfer? Nein, keine Sorge, ich bin ja selbst Frau und habe nicht die Absicht, in diesem Artikel Frauen als die Bösen hinzustellen. Vielmehr möchte ich auf ein paar Umstände aufmerksam machen, die das Schubladendenken von Gut und Böse vielleicht ein bisschen aufweichen. Und vielleicht kommen wir auch mal weg von Gut und Böse und hin zu dem, was es womöglich eher ist: Ein Zusammenspiel der Defizite nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Ein Tanz der Teufel sozusagen.

Weiblicher Narzissmus

Narzisstische Frauen sind Freundinnen für uns. Sie sind unsere Mütter. Unsere Schwestern. Sie sind Partnerinnen. Wir Frauen können nicht den Männern vorwerfen, immer die Bösen zu sein, gleichzeitig aber feststellen, dass wir durch unsere Mütter narzisstischen Missbrauch erleiden mussten oder sich unsere beste Freundin als Narzisse entpuppt. Da können wir gar nicht anders als zuzugeben, dass auch wir Frauen „die Bösen“ sein können. Gehen wir doch einfach mal weg von diesen zwei Schubladen „gut“ und „böse“ und hin zur eigenen Toxizität und ihren Ursachen. Das kostet ein bisschen Mut. Nein, eigentlich sogar sehr viel Mut. Narzisstische Frauen sind nur ganz selten offene Narzisstinnen. Weiblicher Narzissmus ist häufig verdeckter Narzissmus. Bärbel Wardetzki beschreibt das sehr schön in ihrem Buch „Weiblicher Narzissmus – Der Hunger nach Anerkennung“. Wir alle, egal ob Mann oder Frau, wünschen uns Anerkennung, und wir brauchen sie auch: Für unser Selbstwertgefühl, für unsere Selbstliebe, für unser Selbstbewusstsein, aber auch für die Sinnhaftigkeit unseres Handelns. Meiner Meinung nach haben Frauen und Männer jedoch unterschiedliche Strategien, um diese Anerkennung zu bekommen.

Manipulation als Strategie verdeckter Narzissen

Keine Frage, narzisstische Männer sind verdammt manipulativ. Aber wie steht es mit uns Frauen?

Das Geheimnis einer guten Ehe ist, einem Mann immer das Gefühl zu geben, dass ER die Entscheidungen trifft. Du musst eben Wege finden, ihn dazu zu bringen, dass er die Entscheidungen trifft, die er treffen soll.“

Dieses Zitat stammt von meiner Omi, die mich in meinen ersten sechs Lebensjahren großgezogen hat. Mit meinem Opa führte sie eine sehr harmonische Beziehung. Und in meinen Augen hatte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Natürlich war sie meine wichtigste Vertrauensperson, als Kind, als junge Frau, eigentlich bis die Frau Alzheimer das Regiment bei ihr übernahm. Meine Omi war eine selbstbewusste Frau, die ihre Interessen durchgesetzt hat. Immer und überall. Daher konnte ich sie für mich als Vorbild sehr gut akzeptieren und war sehr lange der Meinung, dass sie die richtigen Wege kennt. Aber war das wirklich so?

Wenn du irgendwas von deinem Mann willst, musst du die Dinge zum richtigen Zeitpunkt ansprechen. Ist doch klar, dass der „nein“ sagt, wenn er müde von der Arbeit kommt.“

Ein weiteres Zitat meiner Omi. Der richtige Zeitpunkt? Nun, als ich dann älter war, hat sie es mir erklärt. Gutes Essen, das zur rechten Zeit auf dem Tisch steht. Und guter Sex. Eine saubere Wohnung. Das sei es, was Männer wollen, mehr nicht. „Wenn sie das kriegen, und du ihnen auch noch das Gefühl gibst, ein großer Held zu sein, dann fressen sie dir aus der Hand“, sagte meine Omi irgendwann, und sie blinzelte mir verschwörerisch zu. „Ach ja, und wir Frauen müssen auch immer nett und adrett aussehen, damit die Männer neben uns stolz auf uns sein können.“ Direkt übersetzt: Wir Frauen müssten uns immer so verhalten, dass wir eine gewisse Dankbarkeit unserer Männer und deren Stolz erreichen. Wir müssen auch toll aussehen, sexuell begehrenswert sein. Dann kriegen wir alles von ihnen, was wir wollen.

Wenn er ganz offensichtlich gute Laune hat, schnurrt man ein bisschen um ihn herum und dann kriegt man auch, was man will.“

Jaja. Noch ein Zitat meiner Omi.

Die Wurzeln der Manipulation

Mit meinem Faible für Geschichte und den entsprechenden Beschäftigungen dazu, konnte ich irgendwann gar nicht mehr an der Rolle der Frau vorbeischauen, die irgendwann mal festgelegt wurde. Wann eigentlich? Bei den alten heidnischen Völkern durfte die Frau auch Kriegerin sein und sie stand gleichberechtigt mit den Männern auf dem Schlachtfeld. Von den alten Schotten hieß es, die dürfte man zu Recht fürchten, aber wehe, sie holen dann noch ihre Frauen dazu. Es gab also auch mal andere Zeiten. Zeiten, in denen Frauen in friedlichen Zeiten trotzdem auf ihre Rolle als Frau und Mutter festgelegt waren, mit all den typischen Aufgaben. Männer jagten das Essen, Frauen haben es zubereitet und die Nachkommen großgezogen. In heidnischen Zeiten übernahmen Männer jedoch auch in der Erziehung einen großen Anteil, während Frauen in der Regel auch auf Respekt und Achtung ihnen gegenüber bestanden – und viele von ihnen auch verdammt gut mit einem Schwert umgehen konnten. Frauen wurden in der Regel respektiert und ernst genommen. Irgendwann kehrte sich das um. Man kann nicht mal sagen, dass das mit dem Einzug des Christentums passiert ist, denn auch bei den alten Griechen oder Römern sind Männer die Helden und Frauen die dienstbaren Geister gewesen.

Die Frau war des Mannes Untertan

Nix Neues, ich weiß! Und dennoch ist die Geschichte voll von Männern, die sich total zum Affen gemacht haben, um die Bedürfnisse ihrer Angebeteten zu erfüllen. Und Frauen, die für sich selbst das maximal Erreichbare erreicht haben, indem sie ganz geschickt vorgegangen sind. Mein persönliches Lieblingsbeispiel ist da Heinrich der VIII von England. Allgemein ist er als der König bekannt, der 6 Ehefrauen hatte, es auch schön hat krachen lassen mit den Hofdamen seiner Ehefrauen und aus heutiger Sicht würde man ihn einen Narzissten vor dem Herrn nennen. Für Anne Boleyn allerdings, seine zweite Ehefrau, verstieß er seine rechtmäßige Gattin, Katharina von Aragon, und niemand konnte es fassen: Katharina nicht, der Papst nicht, die Kardinäle und Priester nicht, das Volk nicht, der ganze Hof konnte es nicht fassen. Anne Boleyn hatte nicht den gesellschaftlichen Stand, der es ihr ermöglicht hätte, einen König zu heiraten, ihre Schwester hatte bereits ihren Ruf als Mätresse diverser Adliger erzielt. Anne Boleyn ging so geschickt manipulativ vor, dass er nicht nur Katharina verstieß, sondern sich auch vom Papsttum verabschiedete und sich selbst zum Oberhaupt der Kirche Englands ernannte. Anne Boleyn war Protestantin und mit ihren Manipulationen hatte sie also nicht nur für sich selbst einen Stand als Königin erreicht, sondern auch für ihre religiöse Gesinnung Fortschritte für die englische Gesellschaft erzielt. Hätte sie ihm noch die heiß ersehnten Söhne gebären können, wäre sie wahrscheinlich niemals geköpft worden, aber so geschickt sie auch war in ihrer Manipulation – die Natur ist nun mal nicht zu manipulieren. Henry war ihr Held, Henry war der größte König aller Zeiten, Henry war immer im Recht, Henry war alles was er sein wollte, und Anne Boleyn verstand sich verdammt gut darauf, ihn genau das glauben zu lassen und gleichzeitig seine Leidenschaft anzuheizen und zu schüren. Keine Sorge, ich will dich nicht mit Geschichte langweilen. Ich wollte nur ein Beispiel anführen, von dem man allgemein zumindest schon mal was gehört hat.

Manipulatives Verhalten – es ging gar nicht anders

Frauen mussten in den letzten 2000 Jahren tatsächlich aufgrund ihrer ihnen zugedachten Rolle in der Gesellschaft sehr geschickt manipulieren, um einigermaßen zufrieden leben zu können. Oft auch, um überhaupt zu überleben. Wen wundert es da, dass manipulatives Verhalten der Mutter für Töchter ganz normaler Standard war und sogar vorbildlich betrachtet wurde? Von Mutter zu Tochter in Form von Ratschlägen weiter gegeben wurde? Ein Verhalten, das wir heute als höchst narzisstisch empfinden, von Männern wie von Frauen. Bis vor geraumer Zeit allerdings gesellschaftlich normal und akzeptiert, etwas, worüber sich niemand Gedanken gemacht hat. Männer hatten das Sagen, Frauen haben sich offiziell untergeordnet und wenn sie geschickt und clever waren, im Hintergrund so manipuliert, dass die Männer das gesagt und getan haben, was sie wollten. Bedürftig waren beide Geschlechter, wie es auch heute der Fall ist. Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Diese Bedürftigkeit innerhalb der Beziehung erfüllt zu sehen, war in früheren Zeiten ganz normal. Frauen erhielten Schutz und Fürsorge, kümmerten sich im Gegenzug um die Familie und je besser sie manipulieren konnten, umso einfacher waren ihre Lebensumstände. Männer wollten Helden sein, die Jäger, die gut umsorgten, die was erreichten, die geliebt wurden. Je mehr sie geliebt und gefeiert wurden, umso mehr haben sie mit Liebe und Fürsorge belohnt.

Was hat sich geändert?

Wir Frauen dürfen heute alles. Daher müssen wir auch alles. Die Frau von heute sitzt nicht zu Hause und wartet mit leckerem Essen auf den Gatten, bringt ihm die Schlappen und sorgt für ein gemütliches Heim. Oder vielleicht doch? Dann wird sie aber als langweilig und schmarotzend empfunden. Im Grunde erwarten Männer immer noch, dass das Essen auf den Tisch kommt und fühlen sich nur selten dafür zuständig. Die Karriere eines Familienvaters und/oder Ehemannes wird immer noch wichtiger eingestuft als die seiner Frau, die meist zurückstecken muss, damit alles andere irgendwie auch noch klappt. Wir dürfen heute arbeiten gehen und Karriere machen, aber falls wir auch Familie wollen, müssen wir karrieremäßig meist Abstriche machen. Gleichzeitig wird es aber auch von uns erwartet. Wir sollen die Familie versorgen. Wir sollen uns aber auch am Einkommen beteiligen. Tun wir das nicht, machen wir es uns bequem auf seine Kosten – dieses Urteil ist schnell gefällt. Und falls nicht, gilt immer noch zu beachten, dass auch Männer jetzt alles dürfen – auch uns verlassen. Wer also seine berufliche Entwicklung immer vernachlässigt hat um die Familie noch ordnungsgemäß zu versorgen, wird spätestens dann die Rechnung dafür bekommen, wenn der Mann geht. Vielleicht weil er eine Frau gefunden hat, die ihn den Held sein lässt, der er eigentlich seiner Natur entsprechend gerne sein möchte.

Die Gefahren sind heute größer denn je, aber auf anderen Ebenen. Kein Wunder sind auch die Ängste größer – bei beiden Geschlechtern. Letztlich haben wir aber immer noch fast die gleichen Bedürfnisse wie in den letzten 2000 Jahren: Wir suchen alle die Sicherheit, finanziell, aber auch innerhalb unserer Beziehung. Wir alle wollen Anerkennung und Respekt für das was wir sind und was wir tun. Wir wollen doch wenigstens für diesen einen Menschen, mit dem wir unser Leben verbringen, einfach alles sein: Held, Heldin, Gott, Göttin. Wir wollen geliebt und umsorgt werden. Männer freuen sich tatsächlich über ein leckeres Essen, das man ihnen zur rechten Zeit auf den Tisch stellt, sie genießen es auch, wenn sie guten Sex bekommen und sie mögen es, wenn die Frau neben ihnen möglichst attraktiv ist, aber auch ein gutes Einkommen hat. Der Mann von heute ist eigentlich gar nicht mehr dahingehend erzogen, dass er alleine auf die Jagd geht und die Beute nach Hause bringt. Dadurch entgeht ihm aber schon irgendwie ein Stückchen Heldentum, das kompensiert werden will. Das Problem ist, dass wir Frauen heute auch Heldinnen sein dürfen – und es auch sein wollen. Wir wollen auch Erfolge, wir wollen auch Anerkennung und wir wollen auch guten Sex und einen attraktiven Mann an unserer Seite. Ich denke, dass der zunehmende Narzissmus in der Gesellschaft auch darauf basiert, dass eigentlich keiner mehr so richtig weiß, was er eigentlich will. Und weil auch eigentlich keiner mehr bereit ist, an irgendeiner Stelle Abstriche zu machen.

Und dann ist da noch das Kollektivbewusstsein

Tieren gesteht man ihre natürlichen Verhaltensweisen zu und nennt es „Instinkt“. Was ist mit uns Menschen? Wir sind ja auch nur Säugetiere. 2000 Jahre alte Rollenbilder und gesellschaftliche oder auch familiäre Erwartungen können sich nicht in Luft aufgelöst haben, dafür wurden sie ja viel zu lange viel zu intensiv gelebt. Ich denke, dass bei Männern noch immer das tiefe Bedürfnis nach Macht und Bewunderung existiert – das gibt Männern das Gefühl von Erfolg, Erfolg macht sie zufrieden und schenkt dem Umfeld Sicherheit. Das Problem: Dieses Bedürfnis haben Frauen jetzt auch. Wir rangeln also um Macht, um ein Dasein als Held und Heldin und wir kämpfen mit allen Mitteln. Männer mit entsprechenden Demonstrationen ihrer Macht – und vielleicht dem Bedürfnis dahinter, sich die Frau untertan zu machen, um dieses Machtgefüge aufrecht zu erhalten. Wenigstens zu Hause. Frauen bekämpfen das. Wollen ebenbürtig sein. Sich entwickeln dürfen. Möglicherweise greifen Frauen deswegen sehr oft ganz unbewusst zu manipulativen Methoden. Das liegt uns im Blut. Eine Ehrenmedaille haben wir dafür aber nicht verdient.

Männer können sehr böse sein. Und Frauen auch.

Wenn wir schon Schubladen mit Gut und Böse haben, müssen wir auch bereit sein, beiden Geschlechtern den ihnen gebührenden Platz in einer dieser Schubladen einzuräumen. Männer sind nicht automatisch die Bösen und Frauen die Guten. Umgekehrt übrigens auch. Ich denke, dass in toxischen Beziehungen auf beiden Seiten eine gewisse Toxizität herrscht. Manipulation funktioniert nur, solange sie nicht als solche erkannt und entlarvt wird. Je geschickter sie stattfindet, umso länger dauert es, sie zu erkennen. Das macht sie aber nicht weniger toxisch, nicht weniger verachtenswert, nicht weniger missbräuchlich. Es fällt aber verdammt leicht, eine Frau, die sich engelsgleich verhält und auch so aussieht, immer alles perfekt macht, als die Gute zu sehen. Und ihren Mann, der laut wird, vielleicht sogar ausflippt, als den Bösen. Ich sehe es allerdings auch so: Je lauter und unangenehmer ein narzisstisch veranlagter Mann wird, umso manipulativer muss sich im Gegenzug seine Partnerin verhalten, um einigermaßen das Gleichgewicht zu halten. Das eine ist nun leider nicht besser als das andere. Es ist lediglich anders. Dahinter steckt auf beiden Seiten der Gedanke: „Tu du dies oder das – damit ICH glücklich bin.“

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