Von Rechtfertigung und Erklärung

Kommunikation ist nicht einfach, das steht sicher außer Frage. Es mag noch vor 100 Jahren anders gewesen sein. Feste Rollenbilder. Unumstößliche Hierarchien, egal wohin man schaute. Ich behaupte nicht, dass es früher keine Kommunikationsprobleme gegeben hat, aber ich bin sicher, es gab mehr Anweisungen, weniger Erklärungen und Diskussionen. Richtig oder falsch war früher kaum Ansichtssache, sondern eine Frage des eigenen Standes innerhalb der Hierarchie, ob innerhalb der Familie, im Beruf oder im Freundeskreis. In unseren Zeiten ist das freilich anders und zwar auf allen Ebenen. Gott sei Dank! Ich persönlich bin froh in einer Zeit leben zu dürfen, in der ich das Recht habe auf eigene Entscheidungen und eigene Meinungen.

Allerdings erleben wir Menschen uns mit all diesen gewonnenen Freiheiten auch immer wieder in Situationen, in denen wir Dinge, Entscheidungen, Gegebenheiten, Verhaltensweisen … was auch immer, erklären. Wir sagen nicht einfach, wie es ist, sondern schieben gleich hinterher, warum es so ist. Wir erklären uns, unsere Entscheidungen, unsere Gefühle, unsere schlechte Laune, unser Verhalten, unsere Pflichten und warum wir sie nicht erledigen konnten, wir erklären sogar unsere Interessen und Vorlieben.

Ganz schnell passiert es, dass unser Gegenüber das Gefühl hat: Er/sie rechtfertigt sich.

Zwischen Rechtfertigung und Erklärung ist es eine schmale Gratwanderung und ich erlebe immer wieder, dass das, was eine Person erklären möchte um verstanden zu werden, von der anderen Seite als Rechtfertigung empfunden wird.

Rechtfertigung oder Erklärung? Wo ist der Unterschied?

Der Unterschied zwischen Erklärung und Rechtfertigung liegt auf der Beziehungsebene von zwei Gesprächspartnern. Sobald sich ein Thema auf der Beziehungsebene bewegt (was meist der Fall ist), bleibt die Sachlichkeit auf der Strecke und es regieren die Emotionen.

Aus den Kommunikationswissenschaften wissen wir, auch wenn wir uns gar nicht hauptsächlich mit dem Thema Kommunikation befassen: Es gibt eine Botschaft. Und für diese Botschaft gibt es einen Sender und einen Empfänger. Die Botschaft an sich ist meist sachlich. Wie sie jedoch aufgenommen wird und welche Diskussion daraus entbrennt, hängt meist von der Beziehung der Gesprächspartner ab.

So kann ich zum Beispiel eine ganz einfache Botschaft aussenden: „Ich habe Hunger“.

Je nachdem, wem ich das sage, wird diese Botschaft unterschiedlich aufgenommen. Gehen wir mal davon aus, dass ich mit einer Kollegin im Büro sitze und diese Botschaft aussende.

„Ich habe Hunger“.

Nun kommt es auf meine Beziehung zu dieser Kollegin an. Ist meiner Aussage nichts vorausgegangen, habe ich es hier mit einer selbstbewussten Person zu tun, wird sie meine Botschaft total sachlich aufnehmen und es wird keine Diskussion entstehen. Vielleicht nickt sie einfach nur und sagt: „Ja, ich auch.“

Vielleicht war sie aber auch vor einer halben Stunde mal vor der Tür, hat ein Zigarettchen geraucht und diese kurze Pause genutzt um sich beim Bäcker um die Ecke ein belegtes Brötchen zu besorgen. Möglicherweise hat sie dann ein schlechtes Gewissen, weil sie mich nicht gefragt hat, ob sie mir etwas mitbringen soll. Das schlechte Gewissen entsteht vielleicht durch die Beziehung, die sie zu mir hat. Wir sind Kolleginnen. Kolleginnen sollen sich kollegial verhalten. Ist sie eine nicht ganz so selbstbewusste Persönlichkeit, könnte sie sich an dieser Stelle vielleicht „gepackt“ fühlen. War es kollegial von ihr, zum Bäcker zu gehen ohne mich, ihre Kollegin, zu fragen, ob ich vielleicht auch ein Frühstück möchte?

Wahrscheinlich erfolgt dann eine Erklärung und die könnte so lauten: „Oh, tut mir leid, ich habe mir vorhin was beim Bäcker besorgt, aber das war eine spontane Entscheidung und ich wusste nicht ob ich dir was mitbringen soll.“

Durch diese Antwort ist bereits für mich zu spüren, dass ihr in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf gehen könnte: Hm, ich hätte sie ja mal fragen können, ob sie auch was möchte.

Nun kann ich auf verschiedene Weise reagieren. Da sie mir bereits (wohl unbewusst) das Gefühl gegeben hat, dass sie vielleicht hätte nachfragen sollen, antworte ich dann vielleicht so:

„Du hättest mich ja mal kurz anrufen und fragen können.“

Ein Vorwurf. Nicht offen formuliert, klar. Aber im Grunde ein Vorwurf. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Warum eigentlich? Muss sie das haben? Ganz klar: Nein, das muss sie nicht! Sie ist nicht verpflichtet, an mich und meinen eventuellen Hunger zu denken, wenn sie sich ein belegtes Brötchen beim Bäcker besorgt. Mit meiner Antwort habe ich sie in die Defensive gedrängt und sie geht in Verteidigungsposition.

Wahrscheinlich wird sie darauf antworten: „Ich hatte mein Handy nicht dabei. Außerdem habe ich das spontan entschieden.“

Ach ja. Im Grunde kann ich das jetzt noch weiterführen, aber ich lasse es. Tatsache ist, sie sitzt mit mir in einem Büro. Man soll ja kollegial sein. Jetzt habe ich Hunger, während sie ein belegtes Brötchen hat, in das sie beißen kann. Sie ist weder für meinen Hunger verantwortlich, noch ist sie verpflichtet, mir was mitzubringen, wenn sie zum Bäcker geht.

Ich weiß das. Jeder Kollege dieser (fiktiven) Kollegin wüsste das. Aber dadurch dass sie mir eine Rechtfertigung geliefert hat, suggeriert sie mir (unbewusst) dass sie sich schuldig fühlt an der Tatsache, dass ich Hunger habe. Und wenn ich jemand bin, der sich über Kommunikation, über Ursache und Wirkung keine Gedanken macht, dann spüre ich dieses Schuldgefühl (unbewusst) und reagiere darauf.

Tatsache ist, sie muss mir nicht erklären, warum sie beim Bäcker war und mir nichts mitgebracht hat. Abgesehen von der Tatsache, dass sie nicht verpflichtet ist, über mich und mein Wohlbefinden nachzudenken. Sie hatte Hunger. Sie hat sich ein Brötchen besorgt. Und ich bin selbst dafür verantwortlich, mir was zum Essen zu besorgen, wenn ich Hunger habe.

Eine Erklärung wäre gewesen: „Du, da vorne rechts um die Ecke ist eine kleine Bäckerei, die haben belegte Brötchen. Ich habe mir da vorhin was besorgt, hol dir doch schnell was.“

Sie aber hat sich (unbewusst) gerechtfertigt.

Es mag ein harmloses Beispiel sein, das ich nun hier geliefert habe, aber im allgemeinen Alltag passiert so was dauernd. Männern wie Frauen. Frauen passiert es allerdings viel häufiger als Männern, dass sie sich rechtfertigen. Ich hatte mal für eine ganze Weile eine sehr nette Kollegin, die ich fachlich und persönlich sehr geschätzt habe. Immer wenn ich irgendwas von ihr brauchte, Material, eine Information, was auch immer, hat sie stundenlang erklärt, warum sie das noch nicht geschafft hat, warum das nicht geht, warum sie mir dies oder jenes nicht besorgen kann. „Stundenlang“ mag nun in Ihren Augen übertrieben klingen, ist es aber nicht. Ich habe diese Kollegin mal für eine Weile gezielt beobachtet. Sie hat tatsächlich Stunden ihres Arbeitstages damit verplempert, immer wieder allen möglichen Leuten, Kunden, Kollegen, Lieferanten, zu erklären, warum dies oder jenes jetzt nicht geht, sie das oder das noch nicht geschafft hat. JEDER, der irgendwas von ihr wollte – und sie war Ansprechpartnerin für so ziemlich alle im Unternehmen – bekam ewig lange Erklärungen geliefert. In ihren Augen. Eigentlich war es eher anders: Sie hat sich permanent gerechtfertigt.

Ich habe sie darauf angesprochen – irgendwann. Sie stutzte und meinte: „Du hast Recht. Aber ich will doch nur …“

Ja, weiß ich, was sie „nur“ will.

Sie will verstanden werden. Sie will den Leuten klarmachen, dass sie deren Anliegen ernst nimmt, aber einfach zu viel auf ihrem Rücken lastet und sie es nicht mehr schafft. Sie will dass man sie mag und nicht denkt: Diese blöde Kuh, der ist das doch egal wenn ich was brauche. Sie will höflich und freundlich sein und zeigen, dass sie ja ein engagierter Mensch ist, der seine Pflichten ernst nimmt.

Ganz eindeutig sind das erlernte Kommunikationsmuster. Frauen neigen noch immer sehr dazu, sich nicht nur für sich selbst und die eigenen Entscheidungen verantwortlich zu fühlen, sondern auch sonst für alles Mögliche im näheren Umfeld.  Alle sollen sich wohl fühlen und warum auch immer denken wir noch immer, dass das von uns und unseren Fähigkeiten, Harmonie zu schaffen, abhängt.

Das müssen wir nicht. Wenn unsere Kollegin Hunger hat, dann muss sie sich was besorgen. Wir müssen uns nicht dafür rechtfertigen, dass wir beim Bäcker waren und ihr nichts mitgebracht haben, denn wir können ja nicht hellsehen. Wir wissen nicht, dass sie auch Kohldampf hat, wir wissen nicht, was sie gerne essen würde und vielleicht haben wir nicht mal genug Geld einstecken um ihr was mitzubringen. Wir sind gleichberechtigte Kollegen und selbst wenn die eine die Untergebene (innerhalb der Firmenhierarchie) von der anderen ist, so muss sie nicht zwangsläufig dafür sorgen, dass diese immer satt und zufrieden ist. Das ist deren ganz persönliche Sache.

Die meisten Männer kommen in solchen und vielen anderen Situationen erst gar nicht auf die Idee, sich zu rechtfertigen, irgendwas erklären zu müssen. Im Großen und Ganzen sagen Männer WIE es ist (das ist die sachliche Ebene), während Frauen immer wieder erklären, WARUM es so ist (und das ist meist die emotionale Ebene). Sind wir den Männern dafür böse? Nein, sind wir nicht. Wir akzeptieren das „wie“ und fragen gar nicht nach dem „warum“. Warum? Weil es nicht wichtig ist! Die sachliche Botschaft, egal ob sie von einem Mann oder einer Frau kommt, nehmen wir einfach hin. Jeder Erklärungsversuch hingegen zieht eine sachliche Angelegenheit auf die Gefühlsebene.

Beziehungen, egal ob zu unseren Nachbarn, Freunden, Kindern, Eltern oder Arbeitskollegen, wünschen wir uns in ihrem Verlauf positiv.

Passiert es Ihnen hier und da, dass Sie eigentlich nur etwas erklären wollen und Ihr Gesprächspartner Ihnen so etwas sagt?

„Du musst dich nicht rechtfertigen!“

Was können Sie tun, wenn Ihnen das häufiger passiert?

Sich selbst hinterfragen. Fühlen Sie sich verantwortlich, wenn Sie anfangen, irgendetwas erklären zu wollen? Fühlen Sie sich irgendwie schuldig?

Wenn das so ist, atmen Sie ganz tief durch und stellen Sie sich die nächste Frage: Müssen Sie sich verantwortlich oder schuldig fühlen? In den meisten Situationen ist das nämlich nicht der Fall.

Das möchte ich noch mal anhand des Beispiels meiner lieben, ehemaligen Kollegin verdeutlichen.

Ich fragte sie: „Hast du mir das und das fertig gemacht und geschickt?“

Ihre ganz typische Antwort: „Nein, da kam ich noch nicht dazu. Weißt du, ich habe das und das noch zu machen und dann kam der Herr XYZ noch und wollte das und das haben, und du weißt ja wie der so drauf ist. Außerdem gab es hier noch ein paar Kunden, die ganz dringend das und das brauchten und das musste ich erst mal besorgen. Da bin ich dann von A nach B gefahren, habe zugesehen, dass ich das kriege, damit die Kunden nicht zusätzlichen Stress haben und als ich zurückkam, saß hier bereits der Herr Soundso, den Termin hatte ich völlig verschwitzt. Da musste ich ein Kundengespräch führen und das war schon mehr als peinlich, dass der warten musste auf mich und plötzlich war es fünf Uhr und eigentlich Feierabend. Aber dann hatte ich noch den ganzen Bürokram vom Nachmittag aufzuholen, denn das war ja alles liegen geblieben. Ich habe hier gestern Abend bis nach acht gesessen um meinen Kram auf die Reihe zu kriegen. Aber deine Sachen stehen auf der Liste und die arbeite ich gerade ab. Du kriegst es aber morgen, versprochen.“

Ich meine das ernst, genau so hat sie sich geäußert. Und das war eine Rechtfertigung – immer.

Eine Erklärung wäre gewesen: „Nein, dazu kam ich noch nicht. Du bekommst es aber morgen.“

Punkt!

Anhand dieser langen Rechtfertigung aber wurde ganz deutlich, dass sie sich überlastet fühlt (was sie definitiv auch ist!!!) und stets unter einem schlechten Gewissen leidet, weil sie vor lauter Arbeit gar nicht mehr weiß, wie sie es noch regeln soll, trotzdem aber alle zufriedenstellen möchte.

Halten Sie kurz inne. Atmen Sie tief ein und aus. Fühlen Sie sich schuldig oder verantwortlich? Warum auch immer? Dann halten Sie an genau dieser Stelle lieber den Mund. Wenn Sie tief ein- und ausgeatmet haben, beschränken Sie sich einfach darauf, zu sagen WIE es ist. Und bitte versuchen Sie nicht zu erklären, WARUM es so ist.

In den meisten Gesprächssituationen ist das „warum“ überhaupt nicht wichtig, sondern nur das „wie“. In vielen Situationen, in denen Sie anfangen, das „warum“ zu erläutern, liefern Sie eine Rechtfertigung.

Sobald Sie sich rechtfertigen, denken so einige Persönlichkeiten um Sie herum (meist unbewusst) dass Sie Grund zur Rechtfertigung haben. Und dann könnten Angriffe folgen. Dann verteidigen Sie sich noch mehr und aus dem Strudel gibt es kaum noch ein Entkommen. Jede Form von Rechtfertigung ist Verteidigung.

Das ist wie mit der Angst vor Hunden. Für Sie vielleicht etwas, was nichts mit dem Thema zu tun hat, aber ein Hund, auf den Sie mit Respekt, aber ohne Angst zugehen, ist Ihnen in der Regel freundlich gesinnt. Haben Sie aber Angst, dann spürt der Hund das. Der Hund empfindet in diesem Moment instinktiv. „Wenn sie Angst hat, dann hat sie einen Grund zum Angst haben, vielleicht wollte sie mir was tun. Bevor die also mich beißt, beiße ich!“