Von Victim Blaming und Schuldumkehr

Victim BlamingVictim Blaming und Schuldumkehr – das sind Begriffe, die sehr oft fallen, aber was muss man sich darunter vorstellen? Und bei all dem, was ich täglich so sehe, höre, lese, erlebe, muss ich wirklich mal die Frage stellen: Warum haben sich so viele Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft etabliert, werden als ganz normal hingenommen, Verhaltensweisen, die tatsächlich einem Opfer von Missbrauch und Gewalt noch das Gefühl geben, an all dem selbst schuld zu sein?

Die eigenen Anteile verstehen

Ich selbst weise auch immer auf eigene Anteile hin. Kein Mensch macht immer alles richtig und ganz sicher haben wir alle irgendwelche alten Muster in uns, mit denen wir – ohne es zu wollen natürlich – extrem dazu beitragen, wenn Beziehungen schiefgehen. Auch wir können toxisch sein, natürlich ohne es zu wollen, und auf eine Art und Weise, die dem anderen nicht schadet, sondern uns selbst. Genau das gilt es für die Zukunft ja zu verhindern – daher sollte man da ruhig mal näher hinschauen! Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Angst, verlassen zu werden – die kommt ja irgendwo her. Wer Angst hat, verlassen zu werden, neigt automatisch dazu, sich völlig zu verausgaben in einer Beziehung. Vorauseilender Gehorsam sozusagen. Ist das gesund? Das kann nicht gesund sein, das ist hoch toxisch, denn es provoziert entsprechendes Verhalten beim anderen. Wenn ich endlos gebe, muss ich mich nicht wundern, wenn der andere nur nimmt. Mindert das meine Angst, verlassen zu werden? Auf keinen Fall. Und wenn ich dann doch verlassen werde, obwohl ich so viel gegeben habe, entsteht da ganz schnell auch der Gedanke, dass ich eben immer nur gegeben und nie was verlangt habe. Ich bin dann automatisch die Gute. Bin ich das wirklich? Ich glaube nicht. Schon gar nicht für mich selbst. Ich schade mir mit diesem Verhalten – und ich leide. Angst zu haben, verlassen zu werden ist furchtbar und begegnet mir so oft. Ein eigener Anteil, an dem es unbedingt zu arbeiten gilt. Keine Schuldumkehr! Denn es spricht den anderen ja nicht frei. Ein anständiger Mensch merkt so was im Umgang und nimmt nicht nur, sondern sorgt für Ausgleich. Und hat Achtung und Respekt, vielleicht sogar ein bisschen Ehrfurcht bei dem Gedanken, so geliebt zu werden – statt auszubeuten und sich noch drüber lustig zu machen. Wenn ich also dazu auffordere, auf eigene Anteile zu schauen, dann in dem Wissen, dass man sich selbst dadurch schützt.

Wann können wir von Schuldumkehr sprechen?

Als Beispiel möchte ich mal eine ganz konkrete Situation schildern. Da sitzt eine Frau weinend irgendwo und erzählt ihrer Freundin, dass sie verlassen wurde. Sie leidet wie ein Hund, es geht ihr schlecht. Die Freundin schaut sie mitleidig an – ja, mitleidig, ich gehe darauf später noch mal ein – und sagt dann so was wie:

Naja. Es ist nie einer alleine schuld. Du musst dir halt mal überlegen, was du falsch gemacht hast in der Beziehung.“

Klingt gar nicht so schlimm, was? Ist es aber. Natürlich ist niemand perfekt und wir alle machen Fehler. Auch in unseren Beziehungen. Aber das weiß man ja auch ohne Klugscheißer, die einem in solchen traurigen Momenten noch das Fell über die Ohren ziehen. Vielleicht geht es hier um eine Beziehung, in der wir selbst uns glücklich fühlten. Unser Bestes gegeben haben. Und dann soll das nicht gut genug gewesen sein? Ich meine dazu, dass es natürlich in jeder Beziehung Dinge gibt, die mal ausdiskutiert werden müssen. Ich meine aber auch, dass es viele Menschen gibt, die ganz schnell ihre Hosen ausziehen, wenn da jemand Neues daherkommt, der/die vielleicht spannender wirkt. Wenn Alltag eingekehrt ist. Es gibt genug Menschen, denen es eigentlich in ihren Beziehungen sehr gut geht, die aber mit dem Alltag nicht klarkommen und deswegen nach ein paar Jahren weiterziehen. Soll sich der verlassene Partner dann diesen Schuh anziehen, die Schuld bei sich suchen? Verlassen zu werden in einer Beziehung, in der man selbst glücklich war, ist die Hölle. Das wünscht man niemandem. Dann aber noch so mitleidige Personen im Umfeld zu haben, die dann sagen: „Tja, überleg dir halt mal, was du da falsch gemacht hast!“ Das ist der Gipfel. Fegefeuer und Hölle zugleich. Eine Schuldumkehr ohne Gleichen. So was geht gar nicht!

Victim Blaming

Beim Victim Blaming kann man die oben geschilderte Situation ganz gut als Beispiel nehmen. Da sitzt man in lockerer Runde, die verlassene Frau hat sich einigermaßen im Griff und versucht wieder ins normale Leben zurück zu finden, und es findet sich jemand, der dann laut und vor anderen so was sagt wie: „Ach, der hat bei dir bestimmt keinen guten Sex bekommen, oder zu selten. Männer wollen nur guten Sex und was gutes zum Essen, mehr wollen die nicht. Hast du dafür nicht gesorgt?“

Klingt das jetzt drastisch? Ich war vor kurzem erst Zeugin eines solchen Gesprächs und hab mich dann nach zweimaligem, lauten Seufzen auch entsprechend verbal eingeschaltet. Die Damen mal gefragt, ob sie eigentlich einen Knall haben, auf einem Menschen rumzuhacken, dem es gerade nicht gut geht und diesem Menschen noch einreden zu wollen: „Hähä, selbst schuld, du hast ihm halt nicht gegeben was er brauchte.“ Denn genau in dieser Weise wurde mit dieser Frau geredet. Sie wurde lächerlich gemacht, in einem Kreis von insgesamt vier Personen, mir inklusive. Dieser Kreis löste sich nach meiner deutlichen Ansprache sehr schnell auf, das Problem ist freilich nicht gelöst. Frauen, die sich über andere Frauen lustig machen, weil sie ihren Partner verloren haben. Frauen, die andere Frauen mit irgendwelchen Behauptungen in die tiefsten, emotionalen Abgründe stoßen. Keine dieser Frauen wusste irgendwas über die Beziehung der betroffenen Frau und die Gründe, warum diese Beziehung schiefgegangen ist, und selbst wenn: Solche Behauptungen sind eine Ungeheuerlichkeit.

Und es kommt noch was hinzu: Diese Frauen haben sich selbst eigentlich auch ein mega Armutszeugnis ausgestellt. Sie haben eine Geschlechtsgenossin auf genau zwei Dinge reduziert, nämlich auf ihre Sexualität und ihre Kochkünste. Geht es denn wirklich nur darum, dass wir gut im Bett sind und gut kochen können? Ich kenne ehrlich gesagt keinen einzigen Mann, der so denkt. Aber ich höre so was von Frauen, das schockt mich! Und der Betroffenen gegenüber war es ganz übles Victim Blaming.

Noch mal kurz zur mitleidigen Freundin

Die mitleidige Freundin von oben, auf die ich noch mal zurückkommen wollte: Mitleid ist Übergriffigkeit. Mitleid bedeutet, ich bedauere jemanden und drücke ihn/sie damit in eine Opferposition. MITGEFÜHL wäre hier angebracht – und da gibt es einen deutlichen Unterschied! Eine mitfühlende Freundin hätte die betroffene Frau einfach nur in den Arm genommen und gedrückt. Oder mit einer anderen Geste einfach gezeigt: „Ich verstehe dich, ich verstehe deinen Schmerz.“ Aber in diesem Fall war es Mitleid – und gleichzeitig mit einer Schuldzuweisung: „Überlege dir halt, was du in dieser Beziehung falsch gemacht hast.“ Und was ist mit dem Kerl, der sie verlassen hat, wegen einer anderen Frau? War sie dann daran etwa schuld?

Victim Blaming ist leider Alltag

Da kommt die misshandelte Ehefrau zum Arzt und will ihre Blessuren behandeln lassen und der Arzt sagt so was wie: „Was haben Sie denn getan, dass Ihr Mann so ausgerastet ist?“

Ein gutes Beispiel sind auch Frauen, die eine Vergewaltigung erdulden mussten. Es passiert ganz oft, dass die sich dann auch noch anhören dürfen: „Naja, du hast ja diesen engen, kurzen Rock getragen. Diese hohen Pumps.“

Ist das dann die Erlaubnis zur Vergewaltigung?

Prominente Vergewaltigungsopfer werden durch die Regenbogenpresse gezerrt. Und sind dann selbst schuld, weil sie sich auf dieser oder jener Party herumgetrieben haben.

Ich habe mal eine Frau zu einem Psychiater begleitet, die sich von ihrem Noch-Mann getrennt hat und während der Trennungsphase von ihm vergewaltigt wurde. Sie hat darunter sehr gelitten. Und was durfte sie sich anhören? „Ja gut, Sie müssen jetzt halt mal überlegen, ob das nun wirklich so dramatisch ist, denn sie waren ja lange verheiratet und haben während der Ehe ja auch mit Ihrem Mann geschlafen.“

Diese Szene ist lange her, aber sie machte mich damals schon sprachlos.

Schuldumkehr und Victim Blaming forcieren eine Tätergesellschaft

Alle sprechen davon, jeder postet in seinem Facebookprofil, auf Instagram oder wo auch immer schlaue Bildchen dazu: Die Ellbogengesellschaft, in der wir leben. Der Mensch, das böseste Wesen. Die Abgründe einer Seele… kann man beliebig ergänzen, man muss sich ja nur mal durch die Timeline scrollen.

Aber Schuldumkehr und Victim Blaming wird nicht bemerkt? Da wird sogar mitgemacht und mitgelacht? DAS kann ich nicht nachvollziehen. Jeder Mensch, der sich daran beteiligt, einem Opfer von was auch immer – das kann vom harmlosen Verlassenwerden bis zu furchtbaren Straftaten reichen, die ein Opfer hinnehmen musste – mit Schuldumkehr zu begegnen, beziehungsweise die Stimme in solchen Fällen nicht zu erheben, vielleicht sogar sich lustig macht oder mit anderen mitlacht, die sich über das Opfer lustig machen, forciert ganz aktiv eine Tätergesellschaft. Eine Gesellschaft, in der es offenbar nicht schlimm ist, übergriffig zu sein, verbal und/oder körperlich gewalttätig. Eine Gesellschaft, in der man noch als Held gefeiert wird, weil man über Leichen geht, um seine persönlichen Interessen durchzusetzen und als „durchsetzungsfähig“ bezeichnet wird. Eine Gesellschaft, in der man auf den Opfern herumtrampelt und die Täter erhöht.

Wenn jeder nach den weisen Sprüchen auf zumeist schönen Hintergrundbildern leben würde, die er/sie so im Internet postet, gäbe es so viel weniger Kummer und Elend auf dieser Welt.

Betrifft das mal wieder nur Frauen?

Nein, auf keinen Fall. Denn auch Männer werden mit Schuldumkehr und Victim Blaming konfrontiert. Grundsätzlich gilt das für alle meine Beiträge: Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Ich bewege mich nur mehr unter Frauen, und weil ich selbst eine Frau bin, fällt es mir natürlich ganz besonders auf, wenn Frauen anderen Frauen mit Victim Blaming und Schuldumkehr in den Rücken fallen.

Aber auch von Mann zu Mann habe ich so was schon gehört: „Was, die hat dich verlassen? Die hättest du mal regelmäßig ordentlich durchpoppen sollen.“ Auch ekelhaft, auch eine Schuldzuweisung und zudem noch die Unterstellung, er hätte versagt – und das in einem so sensiblen Bereich.

So manchen Mann habe ich auch schon sagen hören: „Ach, einmal im Monat durch die Bude geprügelt und die hätte gespurt, aber du bist ja viel zu nett.“

Wie kann Mann einem anderen Mann so was sagen? In Gegenwart einer Frau auch noch? Ja, ich war dabei.

Bitte achtet auf so was!

Das Problem an solchen Sprüchen und Verhaltensweisen ist dieser Anschein von Normalität. Was wir ständig hören, adaptieren wir als was ganz Normales. Meine Mutter hat immer gesagt: „Der arme Junge“, wenn irgendwo eine Beziehung in die Hose ging. Und hat dann den armen Jungen, auch wenn er schon über vierzig war, gleich zu ihrem nächsten Projekt erklärt. Die Frau war die Böse. Immer. Ohne Ausnahme. Einen ähnlichen Spruch habe ich mal von einer Nachbarin zu hören bekommen:

Wenn eine Beziehung schiefgeht, ist es immer die Schuld der Frau, wenn eine Frau sich nicht darauf versteht, es ihrem Mann zu Hause und in der Beziehung schön und angenehm zu machen, ist der eben irgendwann weg.“

Aha? Ich muss glaube ich nicht erwähnen, dass ich dieses Gespräch dann nicht weiter geführt habe. 

Genauso bewerte ich übrigens den Spruch aus diesem Text weiter oben, der Männer ja auch nur auf zwei Interessen reduziert: Sex und Essen.

„Männer wollen nur guten Sex und gutes Essen, dann sind die glücklich.“

Wirklich? Ist das so? Es mag solche Exemplare geben, das sind dann aber die, deren Intelligenz so ungefähr bei 7o liegen sollte, was ausreicht, um eine Banane schälen zu können. Die meisten Männer haben wohl mehr Grips im Kopf! Ich kenne ehrlich gesagt keinen einzigen Mann, der auf diese zwei Dinge reduziert werden könnte.

Solche Denkweisen, solche Verhaltensweisen, werden von Müttern an Töchter weiter gegeben, von Freundin zu Freundin zu Freundin, von Schwester zu Schwester. Bei den Männern ebenso. Von Mann zu Mann, ob nun vom Vater, vom Nachbar, vom Bruder oder vom besten Kumpel.

Solche Denk- und Verhaltensweisen werden gelebt. Sie etablieren sich in der Gesellschaft. Sie werden übernommen und überall angebracht wo es passend scheint. Das ist Gedankengut, das hirnlos nachgeplappert wird, weil es sich etabliert hat. Weil keiner Widerspruch leistet. Weil keiner sagt: „Stopp, überleg dir doch mal bitte, was du da gerade gesagt hast!“

Bitte nehmt so was nicht hin. Durch solches Gedankengut fühlen sich die Täter bestärkt und im Recht. Und die Opfer fühlen sich noch schlechter als ohnehin schon. Und immer schlechter und schlechter… bis hin zum Gefühl von Wertlosigkeit. 

 

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